Im Porträt: Rüdiger Netzel, Leiter der Schiedsstelle Schwerin und der Niederdeutschen Bühne Schwerin
Rüdiger Netzels Leidenschaft ist das Schauspiel. Foto: StK
Schwerin, 12.5.12
Wie gewöhnt man einem Hahn das Krähen ab? Er wüsste schon, wie er das Tier zum Schweigen bringe, sagt Rüdiger Netzel und deutet schmunzelnd mit der Handkante zum Hals. Da der Vogel aber weiterleben sollte, musste ein anderer Lösungsvorschlag her. Ab und an steht der 56-Jährige schon vor kuriosen Problemen. Schließlich ist er Leiter der Schweriner Schiedsstelle.
„Wir klären kleinere Streitigkeiten vorgerichtlich, um die Gerichte zu entlasten“, sagt der 56-Jährige. Netzel und seine drei Mitarbeiter versuchen, Kontrahenten in unterschiedlichen Fällen zur Einigung zu bringen. An seinem Tisch sitzen sich Mieter und Vermieter gegenüber, aber auch Beleidiger und Beleidigte sowie Backpfeifenverteiler und -empfänger. Und Gärtner streiten sich um die klassischen überhängenden Äste, stinkenden Komposthaufen und störenden Ziersträucher. Nachbarn, die sich necken, das hat Netzel längst festgestellt, lieben sich meist doch nicht. Wenn aber ein zu früh und zu laut krähender Hahn die Ursache für den Nachbarschaftsstreit ist, fällt das Schlichten besonders schwer.
Zur Schiedsstelle im Stadthaus gehen die Gerechtigkeitssuchenden hin und wieder von sich aus, oft werden sie aber auch von Gericht oder Staatsanwalt geschickt. „Wir vermitteln dann auch häufig wie Mediatoren zwischen den Parteien“, sagt Netzel, „aber wenn wir eine Einigung erzielt haben, ist diese genau so viel wert wie ein Urteil und kann auch genau so vollstreckt werden.“
Als im Jahr 1994 in Schwerin die erste Schiedsstelle gegründet wurde, war Netzel bereits dabei – ehrenamtlich. Beruflich ging er ganz andere Wege, aber nicht die, die er eigentlich wollte. Sein Großvater Karl Netzel, der ihn großzog, war Schauspieler und Rezitator. Zu ihm nach Schwerin kam der gebürtige Schwaaner im Alter von wenigen Tagen. „Eigentlich“, sagt er, „war ich ein Kind der Heinrich-Mann-Straße 8, wo wir damals wohnten. Mein Großvater war beruflich viel unterwegs, organisierte aber immer, dass ich dann gut versorgt wurde. Oft kümmerten sich die Nachbarn um mich. So ergab es sich, dass ich über die Jahre von der ganzen Hausgemeinschaft großgezogen wurde. Die einen haben mir die Füße gewaschen, bei den anderen gab es Mittag und bei den nächsten lernte ich, mir die Schuhe zuzubinden.“ Er empfand es mangels Vergleich als ganz normal, auf diese Art aufzuwachsen.
Nach der Schule wollte Rüdiger Netzel Schauspiel studieren, lernte aber zunächst Augenoptiker, „um erstmal einen Beruf zu haben“. Noch während der Lehrzeit verstarb sein Opa, und er wurde in die Familie von Pastor Pilgrim aufgenommen, hatte mit 17 Jahren aber schon seine eigene Wohnung. Als er hier und da durchblicken ließ, den Dienst bei der NVA zu verweigern, setzte man ihn ans Ende der Liste, und er sollte erst kurz vor Ultimo mit 27 Jahren einberufen werden. Wegen eines Nervenzusammenbruchs wurde er zwar von der Armee verschont, konnte seinen Studienwunsch aber vergessen. Zu dieser Zeit war er bereits verheiratet und Vater einer Tochter.
Seine Frau hatte er bei einem Kellnerjob in der „Seewarte“ kennen gelernt, wo er nach der Lehre anderthalb Jahre arbeitete. Seine Frau drängte ihn dazu, sich von der Gastronomie zu verabschieden. Daraufhin lernte Netzel seinen zweiten Beruf: Kabelmechaniker. Er arbeitete fortan in der Qualitätssicherung, zunächst im Kabelwerk Schwerin und später in einem von dort ausgegliederten Unternehmen. Seit 2009 verdient er sein Geld nun im Call-Center.
Seiner wahren Berufung ist er aber schon Anfang der 80er Jahre ganz nahe gekommen. Zu diesem Zeitpunkt spielte er bereits als Laie in der Niederdeutschen Bühne Schwerin mit, und über diesen Weg gelang es ihm auch noch, seine Wunschausbildung zu erhalten: Er absolvierte zunächst ein Schauspiel-Fernstudium und später dann bis 1989 ein Regie-Fernstudium. Seitdem leitet er die Niederdeutsche Bühne, die erst dem „KIW Vorwärts“ angegliedert war und seit 1998 als Verein geführt wird.
Nach einer Ruhephase hat das Ensemble, das aus rund zehn Leuten besteht, inzwischen drei Programme mit Spielszenen, Liedern und Rezitationen sowohl auf Hoch- als auch auf Plattdeutsch im Repertoire. „Wir suchen noch weitere Interessenten“, sagt Rüdiger Netzel, „weder Niederdeutsch- noch Schauspielkenntnisse sind dazu erforderlich. Wer Spaß daran hat, der lernt das schon alles.“
Reden, sagt er, bereite ihm keine Probleme. Er könne acht Stunden am Stück quasseln, ohne dass ihm nachher der Mund schmerze. „Meine Erfahrung kommt mir auch im Call-Center zu Gute. Aufgebrachte Kunden kann ich am Telefon mit wenigen Worten runterholen.“
Der Hahn ließ sich mit Worten nicht zur Einsicht bringen. Nach Rücksprache mit Fachleuten fand Schiedsstellenleiter Netzel eine Lösung, die beide Nachbarn akzeptierten: Der Hahn muss einfach länger in seinem dunklen Stall hocken und darf am Sonntag frühestens um acht Uhr an das Tageslicht. Stefan Krieg
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