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Ich schreibe Gedichte, in platt- und in hochdeutsch“, sagt Christa Gyra-Ihde, „aber wissen Sie, die Leute wollen ja gar nichts Ernstes mehr lesen. Alles muss immer nur lustig sein. Naja, lustige Gedichte habe ich auch.“ Als die Dame, die in zwei Wochen 77 Jahre alt wird, in unsere Redaktion kommt, quasselt sie munter drauf los. Eigentlich möchte sie bloß fragen, ob wir eines ihrer gereimten Werke abdrucken können.
Wir aber wollen mehr über sie wissen, und so erfahren wir unter anderem, dass sie das älteste von sechs Kindern ist, in einer sehr schweren Zeit quasi ohne Vater aufwuchs und im Alter von 14 Jahren zum ersten Mal ein Weihnachtsgeschenk bekam. Sie, ihre Mutter und Geschwister hatten in ihrem Heimatdorf Lehmkuhlen (bei Holthusen) ein rund zehn Hektar großes Gut, eine Büdnerei, zu bewirtschaften – Arbeit gab es oftmals bis abends um 22 Uhr.
„In der Schule war ich dann meistens so müde, dass ich an der Schulbank eingenickt bin“, sagt sie, „und wenn ich Mathematikaufgaben gelöst habe, kriegte ich nach dreimal rechnen dreimal ein anderes Ergebnis raus.“ Es sei nicht selten vorgekommen, dass ihre Mutter ihr einen Entschuldigungszettel für nicht erledigte Hausaufgaben mitgegeben habe.
Diese und viele andere Begebenheit aus ihrem Leben hat Christa Gyra-Ihde aufgeschrieben und, ergänzt durch historische Fakten (ermittelt nach langer Recherche in Behörden und Archiven) in einem Buch zusammengefasst. Es erschien Ende des vergangenen Jahres und heißt „Mit Gott, der Liebe, dem Teufel und dem Tod. Die Chronik einer mecklenburgischen Familie“. Eigentlich war es nur für ihre Angehörigen bestimmt und sollte daher lediglich in einer Zahl von 15 Stück erscheinen. Mindestdruckmenge waren aber fünfzig, so dass sie jetzt, nachdem ihre Verwandten versorgt sind, noch fast 40 Exemplare zu verkaufen hat. Zuvor veröffentlichte die Autorin unter anderem bereits platt- und hochdeutsche Gedichtbände sowie eine Mecklenburg-Chronik „up platt“. Sie sagt: „Plattdeutsch war schon immer mein Steckenpferd. Bei uns in der Familie sprechen alle platt. Aber mir ist schon klar, dass das Plattdeutsche langsam ausstirbt.“
Bücher sind die große Passion von Christa Gyra-Ihde. „Gegen 2.000“ Werke habe sie bisher gelesen, schätzt sie, „jeden Tag 100 bis 150 Seiten“. Ihre Literaturleidenschaft habe sicher auch damit zu tun, sagt sie, dass ihr erstes Weihnachtsgeschenk aus zwei Büchern bestand, die ihre Mutter gebraucht gekauft hatte. „An eines erinnere ich mich noch genau“, sagt sie, „es hieß ‚Die wundersame Wanderung der Lori Reck‘ und war eine Liebesgeschichte“.
Ihr Geld hat die Frau aber nie ernsthaft mit dem Schreiben verdient – sondern hauptsächlich mit Kunstgewerbe und ein bisschen mit Schneiderarbeiten. Noch gestaltet sie zum Beispiel Klappkarten, zeichnet mit der Feder und malt Bilder in Öl – oft auch in ihrem geliebten Kleingarten.
Die fröhliche Mäkelborgerin Christa Gyra-Ihde erzählt selbst über ihre schwere Jugendzeit eher beschwingt als bedauernd, und als sie ihre starken Hüft- und Rückenschmerzen erwähnt, schiebt sie gleich hinterher, dass es alles nicht so schlimm sei und es andere Menschen doch viel übler getroffen habe.
Nur wenn sie von Enkel Alexander (ihrem Schatz) erzählt, wird die Dame mit Wohnsitz in der Schweriner Weststadt ein wenig melancholisch. Der 27-Jährige lebte zunächst acht Jahre und jetzt wieder seit einem Jahr auf der italienischen Insel Ischia. „Er ist der Einzige aus meiner Familie, der das wirklich achtet, was ich je gemacht habe“, sagt sie. Ihm hat sie eines der Lieder gewidmet, die sie auch immer mal wieder schreibt (unten). Es gebe auch schon eine Melodie dafür. „Ich könnte das schon vorsingen“, sagt sie und schmunzelt jetzt doch wieder, „aber lassen Sie mal lieber.“ Trotz all ihrer künstlerischen Talente: Musikalisch sei sie nun wirklich nicht.
Außerdem müsse sie jetzt los – ihr Mann stehe wartend um die Ecke vor der Tür, seit einer Stunde. Stefan Krieg
Unser Enkelkind Alexander
Ein Mecklenburger Kind zieht in ein anderes Land.
Es zieht auf die Insel Ischia mit hellem Strand.
Es sieht auf der Insel Zitronenbäume blühn.
Ob es wohl denkt an das ferne Schwerin?
Am Golf von Napoli, da hab ich einen Schatz.
Auf der Insel Ischia, da wohnt mein Spatz.
Nach diesem Spatz zieht es mich so sehr,
darum fahr ich jedes Jahr ans blaue Meer.
Ich sehe ihn am Hafen von Napoli stehen,
und er kann Capri von seiner Insel sehen.
Er sieht den Vesuv, der einen Krater hat.
Er sieht den Rest von Pompei, der versunkenen Stadt.
Am Golf von Napoli, da hab ich einen Schatz …
Der Liebe läßt Träume und Heimweh nicht aus.
Es zieht mich in die Heimat, mal wieder nach Haus.
Nur einmal zurück, alles zu Haus nochmal sehen.
dann wieder verträumt auf meiner Insel stehen.
Am Golf von Napoli, da hab ich einen Schatz …
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