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„Diese Fragen nicht zu stellen, ist falsch“

Im Schweriner-Kurier-Porträt: Thomas Thierfelder, Maler, Poet und Skipper

Foto: „Diese Fragen nicht zu stellen, ist falsch“
In diesem Gemälde von Thierfelder ist „Feiningers Haus“ versteckt. Foto: StK
Schwerin, 26.6.10
Nachdem wir schon etliche seiner Grafiken und Gemälde angeschaut haben, will Thomas Thierfelder unbedingt noch seinen selbst gemalten „Feininger“ zeigen. Der hängt nicht im Atelier, sondern hat einen Platz an der Wohnzimmerwand des Schweriner Künstlers. „Sehen Sie Feiningers Haus?“, fragt er. Sein Schmunzeln verrät die Vorfreude auf die folgende Pointe. Ich finde es erwartungsgemäß nicht. Kein Wunder: Das Haus ist etwa kleinfingernagelgroß und wirkt mit Abstand betrachtet nur wie eine Ungenauigkeit in der Linienführung.
Der 49-Jährige mag solche kleinen Scherze, obgleich er ein durchaus ernster Mensch sein kann, einer, der sich gerade in der dunklen Jahreszeit schonmal dem Seelenschmerz ausgesetzt sieht. Aber jetzt ist Sommer. Und wenn ihn trotz Sonne die Melancholie packe, setze er sich in sein Segelboot – und alles werde wieder gut, sagt er. Das Segeln hat er schon als Jugendlicher bei einem Schweriner Verein gelernt, Malen, Holzschnitt und Kaltnadelradierung  brachte er sich hingegen selbst bei – auch dank hilfreicher Tipps von seiner Mutter und anderen Künstlern.
Aber am Anfang war das Wort. „Ich komme eigentlich aus der Schreiberei“, sagt er. Schon in der Schulzeit verfasste Thierfelder Verse. Da erkannte er bereits: „Jedes einzelne Wort trägt ein Bild, beides gehört zusammen.“ Sein erstes Kunstwerk schuf er Mitte der achtziger Jahre, einen Holzschnitt, der eine Gruppe von Personen mit fünfeckigen Köpfen zeigt.
Schon als Jugendlicher setzte er sich gedanklich mit den essenziellen Dingen auseinander: „Wenn ich nach Heidegger die philosophischen Grundfragen stelle – woher komme ich, wohin gehe ich, welchen Sinn hat mein Dasein? – dann werde ich keine Antwort bekommen. Diese Fragen nicht zu stellen, ist trotzdem falsch, denn wenn ich die Bedingungen, unter denen diese Fragen existieren, beschreiben kann, habe ich – vermutlich unbewusst und ungewollt – mehr zur Antwort beigetragen als mir bewusst ist. Die Kunst, die Philosophie und die Theologie haben diese Bedingungen zu beschreiben.“
Und so entschied sich der junge Thomas Thierfelder für ein Theologiestudium. Warum dieses und nicht doch Philosophie? Lag es vielleicht an einem kirchlichen Elternhaus? „Das waren doch die Ostzeiten“, sagt er, „ich wusste, wenn ich Theologie studiere, habe ich den Rücken frei und kann nicht für jedes Wort verhaftet werden.“
Thierfelder stammt aus einem „bürgerlichen Haushalt“, die Eltern Ärzte. Auf Bildung wurde viel Wert gelegt. Was ihm so an Entfaltungsmöglichkeiten geboten wurde, nahm der junge Thomas mit, zum Beispiel lernte er am Konservatorium Gitarre spielen, und neben dem Segeln spielte er Handball.
Er sei damals einer der ersten Schweriner Pennäler gewesen, die Theologie studieren wollten. Trotzdem er hier und da in der Schule aneckte, unter anderem wegen einer geplanten Baumpflanzaktion, bekam er seinen Studienplatz an der Universität Rostock. Nach wenigen Semes­tern musste er aber schon wieder gehen, denn allzu frei durfte er das Wort doch nicht führen. Unter anderem kritisierte er beim Kirchentag öffentlich einen Bischof und verweigerte im Lager für Zivilverteidigung Befehle. Mehrere Jahre kämpfte Thierfelder darum, weiterstudieren zu dürfen. In dieser Zeit arbeitete er unter anderem am Schweriner Theater als Bühnentechniker. Im Jahr 1987 wurde er endlich an der Universität Jena immatrikuliert, wo er 1991 als Diplom-Theologe abschloss.
Zu seiner Studentenzeit fällt ihm eine kleine Anekdote ein, die ihm Spaß, aber auch Ärger einbrachte. Thierfelder und zwei seiner Freunde behaupteten aus Jux, dass die Wikinger einst mit Metfässern zur Insel Rügen übersetzten. Der Versuch, zu beweisen, dass dies tatsächlich möglich ist, endete im Falle Thierfelder im Knast, wo ihn die Polizei verprügelte. Bis Rügen schafften es die anderen beiden auch nicht.
In den Wendetagen gehörte der Schweriner in Thüringen zu den Mitbegründern der SDP, die sich später der westdeutschen SPD anschloss. Er sagt: „Ich war damals der Überzeugung: Wenn man sich engagieren will, muss man dies schlagfest machen.“ Jetzt will er von Parteien nichts mehr wissen. „Es ist schon paradox“, sagt er, „dass Parteien – undemokratisch verfasste Organe – leidlich demokratische Strukturen schaffen.“ Zur Wahl gehe er trotzdem immer.
Nach dem Studium wirkte Thierfelder in Bad Doberan und Kühlungsborn als Vikar, übernahm aber nie eine Pastorenstelle, lieber befasste er sich mit anderen Dingen. Vor kurzem schrieb er sogar seine Doktorarbeit, dies allerdings zu einem kunstgeschichtlichen The­ma: Es geht um Ernst Barlach, besonders darum, auf welche teils abenteuerlichen Reisen einige seiner Werke geschickt wurden. Seinen Forschungen widmete sich bereits eine Radiosendung, und ein Verlag hat schon zugesagt, sein Buch zu veröffentlichen. Dies wäre nicht Thierfelders erstes Buch, relativ neu und im Handel zu haben ist sein humorvoller Lyrikband „Ego-Land“, den er selbst illus­trierte.
Seine Gemälde, Holzschnitte und Radierungen waren schon vielfach ausgestellt, zu erwerben sind sie nun vor allem in seiner „tomt-Galerie“ in der Wittenburger Straße 89, wo er sich mit dem „Afro-Shop“ einen Laden teilt. Ab 17. Juli ist er aber für eine Weile nicht daheim: Er segelt mit kleiner Crew zur Insel Gotland. Stefan Krieg

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