Ein Stadtvertreter schreibt einen Brief an die Sommerfrischler und wirbelt alten Staub auf
Private Bebauung, dahinter Kleingärten ohne Blick zum Wasser und ein Kinderspielplatz ohne Badeplatz – soll hier alles so bleiben, wie es ist?Fotos: Tomes
Schwerin, 24.7.10
In einer Zeit, da viele Stadtvertreter ihre stadtvertretende Sommerpause auch in ihren Schrebergärten genießen, wendet sich Rolf Steinmüller, selbst Stadtvertreter (Unabhängige Bürger) in einem offenen Brief an die Kollegen der Kommunalpolitik. Es geht um Kleingärten. Und zwar nicht um Kleingärten ganz allgemein, sondern um die „Waisengärten“.
„12,5 Millionen Euro Einsparungen noch 2010 sind ein Hammer“, beginnt Steinmüller sein Schreiben, „ die Kosten für eine neue Schwimmhalle in etwa gleicher Höhe sind auch nicht ohne (vor allem die 70 Prozent aus ‚Fördertöpfen‘)! Mein Anliegen an Sie sind jedoch ein 20-Jahresschlager – die ‚Waisengärten‘.“
In der Tat stehen die so genannten Waisengärten schon fast seit 20 Jahren im Fokus öffentlichen Interesses und damit öffentlicher Streitereien – die Stadt muss sich zum Wasser hin öffnen und deshalb die Kleingärtnerei in diesem Gebiet beendet werden, sagen die einen, die Kleingärten müssen als Naherholungsgebiet erhalten bleiben, die anderen. Zwischenzeitlich bildete sich eine Bürgerinitiative, von der man irgendwann nichts mehr hörte oder hören wollte. Jetzt also Steinmüllers Brief.
„Es scheint, dass für die besorgten Nutzer im Herbst die Entscheidung (sprich eventuell B-Plan für Wohnungsbau) fallen wird. Die LGE ist neuer Besitzer der circa 8,5 Hektar und hat bereits zum Jahresende 2010 die Pacht gekündigt“, schreibt Steinmüller. „Ein ‚Masterplan‘ für die Entwicklung der Fläche, drei Projektgruppentage als ‚Alibi‘- Veranstaltung mit Betroffenen und einige nette Angebote (wie Entschädigung oder kostenlose Beräumung der Gartenfläche) haben bei einigen Pächtern Unsicherheit aufkommen lassen. Die überwiegende Mehrheit will jedoch weiter für den Bestand ihrer geschaffenen Freizeitidylle kämpfen.“
Sein Anliegen sei es, so Rolf Steinmüller, dass die Stadtvertreter die Sommerpause nutzen, um alleine oder mit ihren Familien mal „mit meinen Augen“ (also mit Steinmüllers Augen) die Gartenanlage zu durchwandern beziehungsweise zu durchradeln.
Die gedanklichen Ansätze des „unabhängigen“ Kommunalpolitikers: Die Gartenanlage „Waisengärten“ sei immer für alle, die wollten, zugänglich gewesen. Die Uferzone am Kinderspielplatz („Am Werder“) war erreichbar, baden aber nicht möglich. Die einzige geeignete Stelle wurde verschlossen (Nutzung durch Wasserschutzpolizei auf der Schwanenhalbinsel). „Kein Gartenpächter konnte den Schweriner See sehen!“, sagt Steinmüller. „Die Uferzone zum See ist Privateigentum! Durch den hohen Grundwasserstand ist die Bewirtschaftung in vielen Gärten im Frühjahr erst spät möglich (vor allem im Vergleich zu anderen Anlagen in Schwerin) – siehe auch Nutzbarmachung in den 70er Jahren! Jetzt ist hier eine Anlage mit biologischer Vielfalt! (siehe Beschluss Stadtvertretung: „Schwerin verstärkt die kommunalen Bemühungen zum Erhalt der biologischen Vielfalt im Stadtgebiet.“)
Aus Steinmüllers Sicht müsste vor Bebauung der Waisengartenfläche viel eher erwogen werden, die noch ungenutzten Flächen, die es zum Beispiel selbst am Ziegelinnensee noch direkt am Wasser gibt, für Wohnbebauung zu erschließen. Und der Mann fragt sich und andere: „Wo sind die Investoren? Zum Beispiel für das Vorranggebiet ehemaliges Polizeigelände Amtstraße, Klärwerk Bornhövedstraße oder Komplex ehemaliges Krankenhaus Werderstraße!“
Damit endet der Appell und beginnt die Zeit, da man unsere Stadtvertreter vielleicht allein oder in kleinen (Fraktions-)Gruppen durch die Waisengärten spazieren gehen sieht. Oder eben auch nicht.red